Hat Jesus existiert?

Oder genauer gesagt: Hat es vor plus/minus 2000 Jahren im damaligen Galiläa einen Juden namens Jesus bzw. Jeschua oder Jeschu (denn deutsch wurde dort ja nicht gesprochen) gegeben, auf dem das Christentum basiert?

Mit Sicherheit weiss ich es natürlich nicht – und soweit ersichtlich auch sonst niemand – aber offenbar gab es damals ja viele Wanderprediger, welche die jüdischen Schriften studiert hatten und ihre jeweilige Interpretation zum Besten gaben: Wieso also nicht auch einen, der Jeschua oder Jeschu hiess und hier bei uns inzwischen Jesus genannt wird?

Was aber wissen wir über diesen Mann? Gemäss Wikipedia wurde Jesus von Nazareth zwischen 7 und 4 v. Chr. (!) ebendort geboren – was ihn an sich schon disqualifiziert, Jesus Christus zu sein, denn der müsste ja 0 v./n. Chr. geboren sein. Etwa ab dem Jahr 28 sei er in Galiläa und Judäa öffentlich aufgetreten. 2-3 Jahre später sei er auf Befehl des römischen Präfekten Pontius Pilatus in Jerusalem gekreuzigt worden.

War Jesus von Nazareth bzw. irgendein Jesus tatsächlich der Sohn Gottes bzw. selbst (Teil von) Gott, würde ich erwarten, dass wir unzählige Quellen haben, welche von seinen Wundern berichten – immerhin haben die Römer ja damals durchaus das eine oder andere aufgeschrieben. Es gibt allerdings nur wenige Historiker, die Jesus überhaupt erwähnen und das auch erst viele Jahrzehnte später: Sie können Jesus somit nicht getroffen haben, sondern höchstens mit Leuten gesprochen haben, die ihn gekannt oder von ihm gehört haben. So wurde Jesus etwa vom Historiker Flavius Josephus in den Jahren 93/94 erwähnt, wobei seine Aufzeichnungen zumindest teilweise gefälscht worden waren, und sodann von Tacitus im Jahr 117. Natürlich erwähnen die Historiker nur die Hinrichtung von einem sogenannten Jesus bzw. Christus nicht aber seine angebliche Auferstehung.

Die Auferstehung und allerlei unrealistische Wundertaten werden lediglich in der Bibel bzw. genauer gesagt im sogenannten Neuen Testament erwähnt. Bekanntlich hat Jesus das Neue Testament nicht geschrieben bzw. es sind überhaupt keine Texte von ihm überliefert. Das neue Testament und insb. die vier Evangelien wurden überwiegend in den Jahren 70 bis 100 von unbekannten Autoren geschrieben (abgesehen von den Paulusbriefen, die wohl mehrheitlich von Paulus geschrieben wurden, der Jesus aber allem Anschein nach selber nie getroffen hat). Soweit ersichtlich sind sämtliche Originale verloren gegangen und die frühesten noch erhaltenen Texte stammen aus dem 2. Jahrhundert.

Entsprechend dem Gesagten ist die Quellenlage miserabel. Über das Leben von Jesus Christus lässt sich nichts mit Sicherheit sagen – noch nicht einmal, ob es tatsächlich einen Jeschu(a) gegeben hat, auf dem das Neue Testament basiert oder ob man sich für den angeblichen Messias einfach irgendeinen beliebigen Namen ausgesucht hat.

Hat Jesus also existiert? Keine Ahnung. Es ist mir auch ziemlich egal. Wichtig ist ja nur, ob seine Botschaft gut war. Das ist sie leider ganz und gar nicht (vgl. etwa: hier). Insofern gibt es keinen Grund, seine Ratschläge zu befolgen, egal ob sie von einem tatsächlich existierenden Menschen stammen oder von einer gänzlich erfundenen Figur.

4 Antworten zu “Hat Jesus existiert?”

  1. Natürlich ist die Person „Jesus von Nazareth“ (wer auch immer er gewesen sein sollte) nach heutigen Standards relativ schlecht belegt. Die Quellenlage ist quasi „miserabel“, wie Sie es sagen.

    Aber ich würde gerne einen kleinen Einwand vorbringen. Ich würde behaupten, dass Sie in der Antike keine historische Person finden, die quellentechnisch besser belegt ist als Jesus. Personen wie Julius Cäsar sind quellentechnisch weit schlechter belegt als Jesus von Nazareth.
    Es gibt keine Person in der Antike, von der vier Lebensberichte überliefert wurden (die vier Evangelien). Daneben sind die noch früher entstandenen Paulusbriefe ebenfalls Zeugnisse, dass es im 1. Jh. eine Gruppe von Menschen gab, für die völlig klar war, dass sie Jesus gekannt haben, dass er gelebt hatte und dann durch die Römer getötet wurde.
    Weiter wird Jesus auch ausserbiblisch von Historikern wie Flavius Josephus erwähnt.
    Die Entstehung von „Jesus-Nachfolgern“ und das Wachsen einer Gemeinschaft dieser Jesusnachfolgern legt historisch gesehen nahe, dass „irgendetwas“ geschehen sein muss, damit sie glaubten. Dass dieser Jesus mindestens gelebt haben muss und eine charismatische Person war, oder so. Ansonsten müssten wir annehmen, dass die Menschen im 1. Jh. einfach viel dümmer waren als wir und nur darauf warteten, dass sie irgendetwas glauben und anbeten konnten, das jeglichen Belegen entbehrt. Das halte ich für höchst unwahrscheinlich.

    Die Kritik, dass es Jesus nicht gegeben habe, wird in der Antike in Streitgesprächen zwischen Christen und paganen Denkern auch nicht ins Feld geführt. Die Christentumskritiker zweifeln nicht daran, dass es irgendeinen „Jesus“ gegeben habe. Warum auch nicht? Ihre Kritik ist dann mehr, dass es von den Christen einfach dumm sei, dass sie diesen Jesus verehren.

    Mein Fazit: Dass in Galiläa des 1. Jh. ein Mensch namens Jesus gelebt hatte, der später durch die Römer hingerichtet wurde, halte ich für historisch sehr plausibel. Die Frage m.E. ist mehr, wie man diese Person „Jesus“ dann deutet. Wie Sie sie es sagen: Ist es ratsam seiner Lehre zu folgen oder nicht? Das ist dann wohl die entscheidende Frage.

    1. Soweit ersichtlich stimmen wir darüber überein, dass es nicht relevant ist, ob das Christentum auf einer tatsächlich existierenden Person (z.B. Jesus von Nazareth) basiert oder nicht.
      Anderer Meinung bin ich hingegen, was den Vergleich zwischen Jesus und Caesar anbelangt. Die Evangelien wurden gemäss Wikipedia zwischen 80 und 100 u.Z. geschrieben, die Autoren sind unbekannt, diese haben Jesus wohl nicht gekannt, einige Autoren haben anderen abgeschrieben (es sind also nicht vier verschiedene Quellen) und teilweise widersprechen die Berichte einander (ein Teil muss also falsch sein). Die Autoren waren nicht (neutrale) Historiker – soweit ersichtlich ist es Fanfiction. Bei den Paulusbriefen wissen wir immerhin den Namen des Autors. Er war aber ebenfalls kein Historiker war und behauptete nicht, den lebenden Jesus je getroffen zu haben – und wie gesagt: Fanfiction.
      Es mag Historiker geben haben, die Jesus erwähnten. Flavius Josephus etwa wurde gemäss Wikipedia knapp 10 Jahre nach Jesus angeblichem Tod geboren – er konnte Jesus also nie getroffen haben. Soweit ersichtlich begann er frühestens im Jahr 71 mit seiner Geschichtsschreibung. Dass er mit Menschen sprach, die Jesus gekannt hatten, erscheint unwahrscheinlich. Ob er Jesus von Nazareth in seinen Schriften erwähnte, ist unbekannt, da diese später christlich überarbeitet, sprich gefälscht wurden.
      Wie verhält es sich nun mit Julius Caesar? Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, woher wir wissen, dass er existiert hat. Allerdings habe ich im Lateinunterricht aus „De bello Gallico“ gelesen, als dessen Autor er gilt. Zudem würde ich vermuten, dass zeitgenössische Historiker über so ziemlich jeden römischen Kaiser berichtet haben. Und sicherlich gibt oder gab es Büsten von ihm und sein Konterfei auf Münzen.
      Schauen wir mal bei Wikipedia: Demnach wurde Jesus von Nazareth zwischen 7 und 4 v. Chr. wahrscheinlich in Nazareth geboren und starb 30 oder 31 in Jerusalem. Caesar wurde am 13. Juli 100 v. Chr. in Rom geboren und starb dort am 15. März 44 v. Chr. Wieso habe ich bloss den leisen Verdacht, dass wir über letzteren ein bisschen mehr wissen als über ersteren? Ich meine von Caesar wissen wir das genaue Datum und von Jesus nicht mal das genaue Jahr?! Wenn ich mir die Quellenangaben anschaue lese ich u.a. von Cicero, Sueton, Plutarch, Cato minor, Cassius Dio, Appian und Livius – Zeitgenossen von Caesar und/oder Historiker. Bei Jesus hingegen irgendwelche Christen, die über ihr Idol geschrieben haben und eventuell Historiker, falls es keine Fälschungen waren. Bei Jesus ist die Quellenlage also tatsächlich miserabel – ganz anders als bei Caesar.

      1. Lieber Malo,

        Ja, ich sehe Ihren Punkt, aber ich denke, dass wir uns nicht ganz einig sind.

        Nach unseren methodischen Massstäben sind keine antike Historiker „neutral“ – weder die anonymen Autoren des Neuen Testaments noch Sueton, Plutarch oder Flavius Josephus. Historiographie ist bis zu einem gewissen Grad immer interessegeleitet. Und wenn wir uns mit antiken Quellen beschäftigen, müssen wir sie immer historischer Kritik unterziehen. Das ist klar. Das gilt für alle Quellen.

        Nur weil die Evangelien und die Paulusbriefe später Eingang in den Kanon der Bibel gefunden haben, sind sie nicht automatisch disqualifiziert als historische Dokumente. Das wäre historisch unredlich. Die Autoren haben diese Texte weit vor einem Kanonisierungsprozess geschrieben und konnten und wollten so bei ihrer Verfassung auch nicht „kanonischen“ Status beanspruchen. „Fanfiction“ halte ich nicht für den treffenden Ausdruck. Vor allem halte ich es auch historisch wenig plausibel, dass irgendwelche Leute jüdischen Umfeld im 1. Jh. aus freien Stücken und im luftleeren Raum irgendeinen Kult mit einer Person erfinden, der ihnen keinen Vorteil bringt. Das einzige, was sie davon hatten, waren Konflikte mit dem Judentum und mit der römischen Besatzungsmacht. Erst viel später als das Christentum schon etablierter war (Richtung Staatsreligion ging), durfte man sich ernsthafte Vorteile erhoffen, wenn man zum Christentum konvertierte.

        Nun ja, auch wenn diese Berichte des Neuen Testaments von einem bestimmten Interesse eingefärbt sein dürften, sind sie bei einer Abfassung zwischen 80-100 für antike Verhältnisse ziemlich nahe am Tod von Jesus (ca. 30) aufgeschrieben. Näher als viele aufgezählte römische Historiker, die über Cäsar berichten, deren Zeugnisse wir viel unkritischer übernehmen (z.B. wenn Sueton über Cäsar schreibt). Die Niederschrift der Texte des Neuen Testaments hat eingesetzt, als die die Zeitzeugen, die Menschen, die Jesus persönlich kannten, älter wurden und langsam starben. Ab dann begann man die mündlichen Überlieferungen niederzuschreiben, damit sie nicht verlorengehen.
        (Der Wikipedia-Artikel zu Sueton zeigt unter dem Abschnitt „Moderne Bewertungen“ wie wir ihn nicht einfach als „neutralen“ Berichterstatter verstehen können! Er ist mit seinem Interesse beim Schreiben und seiner historischen Distanz zu Cäsar keine Sekunde „neutraler“ als die anonymen Autoren des Neuen Testamentes. Auch wenn er über 160 Jahre nach Cäsars Tod über ganz prickelnde Details zu Cäsars Leben Bescheid wissen will…)

        Neben dem historischen Gehalt eines Textes ist auch seine Überlieferungsgeschichte wichtig. Wir haben ja weder den „originalen“ gallischen Krieg von Cäsar, noch haben wir das „originale“ Matthäusevangelium. Wir haben bloss spätere Abschriften von den beiden Texten (irgendwelche Papyri, Codices usw). Nur – vom Matthäusevangelium sind uns viel mehr und frühere Abschriften aus verschiedenen Regionen des Mittelmeerraums überliefert. Diese Versionen wurden dann verglichen und auf Abänderungen des Textes und redaktionelle Eingriffe (die sogenannten „Fälschungen“) hin untersucht. Und hier bin ich mir jetzt ganz sicher – es gibt keine Texte der Antike, deren Überlieferungsgeschichte genauer untersucht wurde, als jene des Neuen Testaments. Ich weiss nichts genaueres zur Überlieferungsgeschichte des gallischen Krieges, aber auf Wikipedia steht, dass das älteste überlieferte Exemplar aus dem 9. Jh. stammt – und daneben haben wir ein paar Kopien aus dem 14. und 15. Jh. die textliche Abweichungen enthalten. Das ist eine miserable textkritisch Quellenlage und trotzdem lesen wir im Latein diesen Text mit absoluter Sicherheit, dass wir Cäsar jetzt im O-Ton hören.
        Beim Neuen Testament sieht die Überlieferungsgeschichte echt anders aus – da haben wir viel mehr und viel ältere Manuskripte, die viel näher an die Abfassungszeit der Texte zu datieren sind. Dieser Wiki-Artikel zählt die wichtigsten Manuskripte auf (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Papyri_des_Neuen_Testaments). Das ist eine riesige Differenz bezüglich der Qualität der Quellen zwischen der Überlieferung des gallischen Krieges und dem Neuen Testament. Es gibt einen ganzen Wissenschaftszweig, der sich mit der Überlieferung des Neuen Testaments beschäftigt und die Methode der Textkritik stark geprägt hat (https://de.wikipedia.org/wiki/Textkritik_des_Neuen_Testaments). Das sind nicht einfach naive, religiös eingenommene Forscher, sondern da steckt wissenschaftliche Arbeit dahinter.

        Entschuldigen Sie meinen langen Text. Zusammenfassend gesagt, will ich nicht die Historizität von Cäsar bezweifeln, sondern mehr die Quellenlage zwischen Jesus und Cäsar ein bisschen vergleichen. Manchmal entsteht bei mir der Eindruck, dass man gegenüber der Historizität der Person Jesu in der Öffentlichkeit extrem kritisch ist. Aber es werden dann kaum die gleichen Massstäbe auf andere Personen der Antike angewendet. Das halte ich einfach nicht für redlich. Ich finde es dann fast etwas plump und zu einfach, wenn man trotz dieser Quellenlage in den Raum wirft, dass Jesus wahrscheinlich gar nicht existiert habe.

        Ich kenne eigentlich keine ernstzunehmende wissenschaftliche Historiker (unabhängig, ob mit christlichem oder atheistischem Hintergrund), die an der Existenz einer Person aus Galiläa mit Namen „Jesus“ zweifeln. Auch sein Tod durch die Römer ist historisch weitgehend unbestritten.
        Die entscheidende Frage ist dann wirklich, ob uns diese Person heute noch zu interessieren hat oder nicht… Ich denke, dass wir uns einig sind, dass das dann die wichtige Frage ist, auch wenn wir sie möglicherweise unterschiedlich beantworten.

        Herzliche Grüsse

        1. In meinem Beitrag vom 22.6.2020 hab ich geschrieben, dass es sehr wahrscheinlich im 1. Jh. einen oder mehrere Wanderprediger mit Namen Jeschu(a) gab, dass aber niemand mit Sicherheit sagen kann, ob das Neue Testament auf einem davon basiert und dass es mir auch ziemlich egal ist. Ich sehe nicht, inwiefern ich in den Raum gestellt haben soll, „dass Jesus wahrscheinlich gar nicht existiert habe“.
          Die Frage, ob Gaius Julius Caesar oder Jesus von Nazareth historisch besser belegt ist, scheint mir von Historiker/innen klar beantwortet worden zu sein – immerhin habe ich von Caesar im Geschichtsunterricht gefühlte 1000mal gehört, von Jesus hingegen, wenn ich mich richtig erinnere, nie. Wikipedia macht zudem auf mich den Eindruck, dass wir über Caesar wesentlich besser Bescheid wissen – etwa was die genauen Lebensdaten anbelangt. Dort lese ich auch, dass es über Caesar ausführliche Biographien gibt, Jesus werde hingegen von Historikern nur kurz erwähnt, wobei unsicher sei, woher sie ihre Kenntnisse haben.
          Was die christlichen „Quellen“ anbelangt: In den Evangelien geht es ja nicht darum, biographische Fakten aufzuzählen, sondern von den Wundern zu berichten, die Jesus, der Sohn Gottes, vollbracht haben soll, welche Prophezeiungen aus dem Alten Testament er angeblich erfüllt hat etc. Das klingt halt alles unrealistisch bzw. nach einem Mythos und wenn Historiker/innen Jesus kritischer gegenüberstehen als Caesar dürfte das der Grund sein. Oder anders gesagt: Wenn jemand in 2000 Jahren ein Superman-comic ausgräbt. Wird er annehmen, dass Superman existiert hat oder wird er das für eine fiktive Geschichte halten?
          Nebenbei: Zum Thema Caesar und Jesus habe ich noch kurz mein Geschichtsbuch aus der Schulzeit konsultiert. Jesus von Nazareth wird dort zwar nicht erwähnt, Jesus Christus aber etliche Male, Jahwe einmal und Moses gar zweimal, ebenso wie Zeus und diverse andere Gottheiten (ein Wunder, dass von Superman nirgends die Rede ist). Schätze ich hatte ein echt schlechtes Schulbuch (aber wie gesagt, im Unterricht selber wurde Jesus nicht erwähnt).

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