Ist die katholische Kirche eine kriminelle Organisation?

Die römisch-katholische (im Folgenden: katholische) Kirche wird regelmässig als kriminelle Organisation bezeichnet, beispielsweise von Matt Dillahunty in der Sendung „The Atheist Experience“ aus Austin, Texas (siehe Sendung vom 15.06.2014 und vom 22.07.2012). Zur Begründung führt er aus, die katholische Kirche dulde bzw. unterstütze den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester, indem sie diese nicht anzeige, sondern die Taten vertusche.

In den USA dürfte es rechtlich unproblematisch sein, eine Kirche als kriminelle Organisation zu bezeichnen, egal ob es eine entsprechende Verurteilung gegeben hat oder nicht. Bekanntlich nehmen es die USA mit der Meinungsfreiheit wesentlich ernster als wir hier in der Schweiz bzw. Europa. Selbst in der Schweiz ist es aber m.E. zulässig, eine Kirche als kriminelle Organisation zu bezeichnen, jedenfalls wenn man damit nicht behauptet, dass es zu einer entsprechenden Verurteilung gekommen ist, sondern damit nur das Verhalten der Kirche bzw. der verantwortlichen Personen allgemein kritisiert.

Anlass, das Verhalten der katholischen Kirche zu kritisieren und sie zumindest umgangssprachlich als kriminelle Organisation zu bezeichnen, besteht offensichtlich. So spricht eine Studie in Deutschland von mindestens 1670 des Missbrauchs beschuldigten Klerikern bzw. mindestens 3677 minderjährigen Opfern zwischen 1946 und 2014 (vgl. Zeit Online). Mindestens 4,4 Prozent aller Kleriker sollen Minderjährige sexuell missbraucht haben. Gemäss Studie bestanden Hinweise auf Aktenmanipulation bzw. Aktenvernichtung durch die Kirche bzw. es wurde von den Verantwortlichen eingeräumt. Interessant erscheint mir auch, dass nur wenige Anzeigen von Repräsentanten der Kirche stammten (7.2%) – die meisten Anzeigen stammten von den Opfern oder ihrer Familie. In anderen Ländern sieht es bekanntlich nicht besser aus (vgl. etwa NZZ-Artikel zur katholischen Kirche von Pennsylvania) und es ist auch nicht nur die katholische Kirche betroffen.

Ist die katholische Kirche auch eine kriminelle Organisation im Sinne des Gesetzes? In der Schweiz macht sich gemäss Art. 260 ter StGB, „wer sich an einer Organisation beteiligt, die ihren Aufbau und ihre personelle Zusammensetzung geheim hält und die den Zweck verfolgt, Gewaltverbrechen zu begehen oder sich mit verbrecherischen Mitteln zu bereichern“. Dies trifft auf die katholische Kirche offensichtlich nicht zu.

In Deutschland ist es gemäss § 129 StGB verboten, eine Vereinigung zu gründen oder sich an einer Vereinigung als Mitglied zu beteiligen, deren Zweck oder Tätigkeit auf die Begehung von Straftaten gerichtet ist, die im Höchstmaß mit Freiheitsstrafe von mindestens zwei Jahren bedroht sind. Die katholische Kirche könnte in diesem Sinne eine kriminelle Organisation bzw. Vereinigung sein. Allerdings besteht gemäss Abs. 3 der genannten Bestimmung keine Strafbarkeit, wenn die Begehung von Straftaten nur ein Zweck oder eine Tätigkeit von untergeordneter Bedeutung ist. Insofern dürfte die katholische Kirche wohl keine kriminelle Vereinigung sein, weil sie bzw. ihre Mitglieder auch noch viel anderes tun als Kinder sexuell zu missbrauchen – und einiges, was sie tut, kann man sogar als moralisch gut bezeichnen, wenn auch m.E. nicht allzu viel.

Es gibt vermutlich in (fast) allen Ländern Gesetze, welche kriminelle Organisationen verbieten (in den USA etwa der RICO-Act), zu einer Verurteilung der katholischen Kirche ist es aber soweit ersichtlich noch nie gekommen. Trotzdem verstehe ich nicht, wieso überhaupt jemand Mitglied einer (wenn auch nur umgangssprachlich) „kriminellen“ Organisation wie der katholischen Kirche sein bzw. bleiben will. Der sexuelle Missbrauch von Kindern (und dessen Vertuschung) ist ja bei weitem nicht die einzige Schandtat, welche sich die katholische Kirche geleistet hat. Gerne komme ich darauf im Rahmen weiterer Beiträge zurück.

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